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Allein, Allein (44)


Meanwhile steht der Wachmann traurig im immer dunkler werdenden Stall und lässt die Magensonde herumfliegen, auf der die Tante mit fiebrig glitzernden Augen vor sich hin juchzt.

Irgendwann bringt Willibald gemein grinsend eine noch tiefgefrorene Tiefkühlpizza vorbei, die er auf den Boden legt, kurz schadenfroh winkt und wieder verschwindet.

"Daran kann ich mir jetzt die Zähne ausbeißen" murmelt der Wachmann zu Tode betrübt und sehnt sich nach seiner ersten Freundin zurück.

Franziska. Sie waren zwar nur ein paar Tage zusammen gewesen, aber für den Wachmann waren es unvergessliche Tage. Er seufzt tief auf bei dem Gedanken daran, wie sie sein Gesicht immer in ihre weichen Brüste drückte und dabei: "Schwabbeldischwabbeldieschwabbeldischwab!" Rief.

Franziska war auch unfassbar klug.

Das sah man an ihren Schuhen.

Sie hatte Mathematikformeln hineingeritzt - um genau zu sein, das Kommutativgesetz, was wirklich jeder kann, auch mit 3 -  aber es wirkte trotzdem. "Sie wurde generell mit mehr Respekt behandelt als ich, ein simpler Wachmann" überlegt der Wachmann traurig. "Aber trotzdem verstehe ich nicht so richtig, warum mich nie jemand wollte. Ich habe doch immer nur mein Bestes gegeben, und bin wirklich kein schlechter Kerl. Aber irgendwie gucken immer einfach alle durch mich hindurch."

Er lässt die Tante in langen, sehnsüchtigen Kurven fliegen und hört ihr beim "Huiiiiiuiiiii" rufen zu.

Irgendwann beschließt er, sich hinzusetzen.

Er fühlt sich so müde, so unfassbar müde, aber er wird hier jetzt bleiben müssen. Wer soll sonst die Tante oben halten. Er lehnt sich an die Wand. Er beginnt zu frösteln.

Irgendwann kommt Willibald wieder in seinen Kniestrümpfen in den Stall gehuscht, noch gemeiner grinsend, in der Pfote einen Badeanzug. "Hier, kannst du dir überziehen!!" Lacht er fies und krabbelt wieder raus, genau wissend, dass der Badeanzug nicht den geringsten Unterschied macht, und es jetzt Nacht und immer kälter wird.

Die Tiefkühlpizza taut langsam.

Der Wachmann wartet sehnsüchtig auf den Moment, dass sie weich genug ist und er hineinbeißen kann. Lecker gefrorene Pilze. Sein Magen macht schon Geräusche.

Er fragt sich, was er hätte anders machen müssen. Vielleicht egoistischer sein? Gefühlt saß er schon viel zu häufig alleine in einem dunklen Raum, den er aus irgendeinem Grund nicht verlassen durfte.

Vielleicht hätte er einfach mal gehen, und gucken sollen, was passiert.

Die Kälte beginnt ihm den Rücken hinaufzukriechen und sich in seinen Knochen festzusetzen.

Er zieht seine Knie so nah wie möglich an den Körper und umarmt sie mit einem Arm, mit dem anderen muss er ja die Magensonde steuern.

Er hatte definitiv im Laufe seines Lebens mehr gedacht als getan.

Er hatte es auch immer allen recht machen wollen.

Und große Schwierigkeiten damit gehabt, eigene Bedürfnisse überhaupt erst zu artikulieren, geschweige denn, durchzusetzen.

Stattdessen hatte er schlucken gelernt, schlucken und sich unterordnen, und so ein Kram halt.

Der Wachmann seufzt.

Er fängt an, eine unendlich traurige Melodie vor sich hinzusummen, die ein wenig an Walgesang anmutet, während die Tante ihre Kreise fliegt.

Die Pizza ist nun soweit angetaut, dass er ein erstes Pilzchen von der Oberfläche pflücken kann. Funghi hmmm... er rollt die Pizza zu einer Art Dürüm zusammen und beginnt, an ihr rumzunuckeln. Schmeckt halt gar nicht wie bei Mama. Aaaach Mama.... denkt er sehnsüchtig und kann nicht umhin, der Traurigkeit in seinem Bauch wieder durch den Walgesang Ausdruck zu verleihen.

Warum bin ich nur so allein. Warum will mich denn keiner. Was hab ich denn falsch gemacht.

Der Wachmann singt selbstvergessen mit geschlossenen Augen, die Tante ruft "Huiiiii" auf der Magensonde und aus der Dürümpizza, die schlaff in seiner Hand hängt, tropft langsam der Saft.

Es vergeht so einige Zeit.

Aber auf einmal gesellt sich ein neues Geräusch zu dem Walgesang und dem Jubeln der Tante.

Die Stalltür knartscht.

Der Wachmann runzelt die Stirn und öffnet die Augen einen Schlitz.

In der Stalltür steht jemand. Und es ist nicht die Ratte.


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