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Der Goldesel


Mit zusammengezogenen Augenbrauen rührt der Kunde Zucker in seinen Espresso und vermeidet dabei, Robert anzusehen, der hektisch gestikulierend auf ihn einredet - “das ist eine einmalige Gelegenheit, natürlich will ich Sie zu nichts drängen-” und dabei auf einem Zettel herumkritzelt.

Sie sitzen im 43. Stock an der Glasfront eines Büroturms und betrachten das Verkehrschaos unter ihnen, welches in das rotgoldene Licht der untergehenden Sonne getaucht ist. 

“Ich fürchte, ich verstehe immer noch nicht ganz” sagt der Kunde schließlich mit gereiztem Unterton und legt den kleinen Löffel auf der Untertasse ab. “Was wollen Sie mir verkaufen...?” 

Robert räuspert sich kurz und bemüht sich, hastig zu erklären: “Ich weiß, dass das ungewöhnlich ist. Wenn sie in die RichBitchDonkeyWonkey CBD’s investieren, gehört ihnen ein Anteil des Esels, und wenn der Esel tatsächlich ein Goldesel ist, gehört Ihnen natürlich auch anteilig das Gold, das der Esel kackt und spuckt, verstehen sie?! Gold auf Knopfdruck, mein Junge! Wer hat von sowas schon gehört?! “ Er lacht schallend und haut dem Kunden auf den Rücken, der daraufhin seinen Espresso verschüttet. “Ich gebe zu, die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr hoch, aber stellen Sie sich doch mal vor, was wäre, wenn der Esel tatsächlich ein Goldesel ist und sie mit von der Partie wären, hm?! Im schlimmsten Fall verlieren sie eben ein wenig Geld, aber im besten Fall, im besten Fall wird das ein return on investment, wie Sie es noch nie gesehen haben!!!“ 

Der Kunde verzieht das Gesicht. Er ist in Gedanken bei der sich verzögernden Eröffnung seiner Ladenkette für Haustierbedarf und außerdem wurde eins seiner Kinder im stehen pinkelnd auf dem Schulhof erwischt. Sowas macht man wirklich nicht. Er wurde gerade zu einem “klärenden Gespräch” mit dem Schulleiter gebeten. 

“Als einer meiner ältesten Kunden wollte ich Ihnen gerne zuallererst die Gelegenheit geben, bei diesem hochkarätigen Geschäft mitzumischen. Es ist natürlich ganz allein Ihre Entscheidung, da werde ich Sie zu nichts drängen. Gehen Sie am besten in sich und gucken, ob Ihnen die Größe passt - natürlich kann ich Ihnen aber dann nicht unbedingt noch einmal einen derart guten Einstiegspreis garantieren. Danke für den Kaffee, wir sehen uns dann Sonntag beim Endspiel der Baseball Gorillaz in der Loge von Eddi, wenn Sie auch da sind.”

Robert zwinkert, steht auf und klopft dem Kunden kurz auf die Schulter. Dieser wirkt kalt überrascht vom plötzlichen Entscheidungsdruck. Er nimmt noch einen Schluck von dem leeren Espresso, den er ja gerade verschüttet hat, und fängt unruhig an, mit seinen Fingerknöcheln auf dem polierten Tisch herumzuklopfen. “Moment, Moment, Robert, warten Sie noch kurz.” Er bläht die Nasenflügel und schaut durch die Glasfront in den wolkenlosen, mattrosa Abendhimmel. Seine drei Kinder gehen auf teure Privatschulen, außerdem besitzt er eine marode Immobilie und hat eben diesen Stress mit der Ladenkette, da könnte ein wenig Gold auf Knopfdruck eigentlich nicht schaden.

“Ja, aber was passiert denn, wenn es sich bei dem Esel nun letztendlich nicht um einen Goldesel handelt?” 

Robert zieht schwungvoll eine Flasche besten Champagner hervor und tönt: “Darüber wollen wir gar nicht nachdenken.” Knallend entkorkt er die Flasche und gießt die sprudelnde Flüssigkeit in zwei bereitstehende Gläser.

“Für mich nicht, für mich nicht, ich wollte noch etwas arbeiten” wehrt der Kunde erschrocken ab, aber da hat Robert ihm schon ein Glas in die Hand gedrückt. 

Widerwillig stößt er mit Robert an, der sich ganz entspannt zurücklehnt, versonnen das Glas in der Hand dreht und betrachtet, wie die Kohlensäure sanft in einer geraden Schnur aus der Mitte aufsteigt.

Er schmatzt mit den Lippen und verteilt den Champagner im Mund. Er scheint alle Zeit dieser Welt zu besitzen. Dann sagt er ruhig, mit in der Ferne verlorenem Blick: “Es ist ganz natürlich, dass Sie bei einem Investment dieser Größe Zweifel haben, Bruno. Aber sind es nicht Momente wie diese, die Erfolg oder Misserfolg prägen? Wie sehen Sie sich, Bruno? Sind Sie das Opfer ihres Umfeldes" - er beugt sich vor und blickt ihm direkt in die Augen: "...Oder dessen Gestalter?"

Der Kunde zuckt zusammen und wendet sich hastig ab. Vor der Glasfront landet gerade ein Hubschrauber auf einer der umliegenden Helikopterplatformen. Er trinkt noch einen kleinen Schluck. Prickelnd rinnt der Champagner seine Kehle hinab. Er schließt die Augen und atmet tief durch die Nase ein. Ein leichter Schwindel bereitet sich in seinem Kopf aus, ein Mix aus Alkohol, Sauerstoff und sich daraus ergebendem Wagemut, der sich in einer Art von “YOLO” entlädt, als er die Augen öffnet, verwegen grinst und sagt: “Alles klar. Ich bin dabei. Dann investiere ich eben in einen verdammten Goldesel, ich meine, wie verrückt ist das denn!” Er gackert laut auf. Robert lächelt mit glitzernden Augen, breitet die einzelnen Blätter des Vertrages vor ihm aus, öffnet ein ledernes Etui und legt kunstvoll einen goldenen Füllfederhalter daneben. “Den gibts noch oben drauf”, kichert er glücklich und verschränkt die Arme vor der Brust, Bruno erwartungsvoll anstierend.

Dieser nimmt den goldenen Füllfederhalter und unterschreibt, während sich in seinem Gehirn benommene Euphorie ausbreitet. “Sie sind ein Gewinnertyp." Raunt Robert in sein Ohr. "Ich seh' das einfach. Und glauben Sie mir, ich arbeite schon seeeehr lange in dieser Branche…” Robert lacht mit gefletschten Zähnen, lockert den Knoten seiner Krawatte, stopft sämtliche Papiere in seine Aktenmappe und hastet aus dem Zimmer. 

Die Meldung geht durch die Decke. Alle wollen mitmachen. Ein potentieller Goldesel, WAHNSINN, die DonkeyWonkey CBD’s steigen und steigen an Wert, keiner scheint darüber nachzudenken, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich ein Goldesel ist, jetzt nicht so hoch ist, sondern stellen sich stattdessen vor, was sie mit dem ganzen Geld anfangen würden. Schnell hat sich die ganze Sache verselbstständigt, alles was man mitkriegt, ist der rasante Kurs und worum es eigentlich geht, weiß bald niemand mehr. 

Zwei Wochen später sitzt Bruno mit einem geschäftlichen Kontakt in einem netten Gartenrestaurant beim 'Lunch'. Weiße Kirschblüten regnen auf sie herab, während sie an ihren Maracujaschorlen nuckeln. 

“Das ist ja total der Hype der da gerade abgeht!” Sagt der geschäftliche Kontakt vorgelehnt, Bruno hungrig anstarrend. Dieser hebt nur höflich die Augenbrauen. “Tut mir Leid” sagt er, “ich habe in letzter Zeit wenig mitbekommen, ich stecke bis über beide Ohren in der Eröffnung dieser Ladenkette für Haustierbedarf, Pet, weiß nicht, ob du davon gelesen hast… jedenfalls mussten wir den Termin noch einmal nach hinten verlegen, die Hundemassagebälle wurden in der falschen Farbe angeliefert, als ob wir nicht schon genug Probleme hätten.“ Zerstreut schüttelt er den Kopf und studiert die Speisekarte, die für seinen Geschmack ein wenig zu Masala- Sojasprossen-lastig ist. 

“Ja aber Bruno- du musst doch was von den RitchBitch Donkeywonkey CBD’s gehört haben- die gehen gerade total durch die Decke!!” “Was?” Bruno lässt überrascht die Speisekarte sinken. “Ja!” Der geschäftliche Kontakt nickt eifrig, wirft einen kurzen Blick auf sein Handy und tippt eine schnelle Nachricht. “Höchste Zeit für mich, da auch noch einzusteigen, bevor es zu spät ist- ” “Weißt du denn eigentlich, worum's da geht?” Fragt Bruno verwundert, der seinen voreiligen Kauf insgeheim schon bereut und auch seiner Frau nichts davon erzählt hatte, ein Goldesel, also bitte... Der geschäftliche Kontakt winkt ab, er sagt: “Du, ich hab jetzt ehrlich gesagt nicht die Zeit, mich da in irgendetwas reinzuvertiefen, dafür habe ich ja Julius, der berät mich da gut. Ach tut mir Leid-” sagt er, mit einem erneuten Blick auf sein Handy, “meine Tochter hat die Windpocken-” er tippt wieder.

Eine junge Kellnerin tritt an ihren Tisch. Der geschäftliche Kontakt blickt von seinem Handy auf, stiert die Kellnerin wütend an und murmelt “endlich”. Sie bestellen das Tagesmenü ohne Masala und eine Flasche Mineralwasser. 

Die Zeit vergeht. Der geschäftliche Kontakt stürzt sich in eine bahnbrechende Investition und beobachtet wölfisch die steigenden Kurse, alle zwei Wochen stößt er die Faust in die Luft und brüllt begeistert, wenn eine neue Benchmark gehittet wird, dann werden alle Nachbarn zum Grillen eingeladen. 

Als dann am Ende das kleine Eselchen verwirrt auf ein Podium geführt wird, von allen Seiten erwartungsvoll angeglotzt, stellt sich heraus, dass es leider kein Gold spuckt und kackt. Alles bricht schlagartig in sich zusammen. Die, die ihren Anteil rechtzeitig verkauft hatten, liegen nun im sprudelnden Swimmingpool und werden von perlmuttschimmernden Schönheiten massiert, alle anderen jedoch haben ein Problem. Die Gier und die Angst, ein Geschäft zu verpassen, wiegen weitaus mehr als pure Logik, und solange irgendjemand bereit ist, einen noch höheren Preis zu bezahlen, kann ein stumpfer Witz eine enorme wirtschaftliche Kraft entwickeln.

Gemütlich sitzt Bruno mit dem Schulleiter der Privatschule seiner Kinder in den weichen Sesseln des “Lustpalastes” und schaut höflich zu, wie dieser an dem Nippel einer großen Blondine saugt, als wäre er ein Baby. Schluchzend klammert er sich an ihr fest und ruft, “bleib bei mir”. Ein wenig befremdlich, aber was tut man nicht alles, damit die Kinder in aller Ruhe auf dem Schulhof pinkeln können, ohne dass ihre schulische Laufbahn darunter leidet. Er hatte die CBD’s nämlich, im Gegensatz zu seinem geschäftlichen Kontakt aus dem Gartenrestaurant, rechtzeitig verkauft und erfreute sich nun eines sorgenfreien Lebens. Verrückterweise hatte Robert ihn gut beraten, am Sonntag würde Bruno ihm beim Baseball in der Loge vom alten Eddi einen Drink spendieren.

Da ist es halt am Ende einfach egal, ob ein Esel ein Goldesel ist.

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