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Ein Kräutertee zur Beruhigung (4)


Der kleine Wasserkocher balanciert zwei bis zum Rand gefüllte, bauchige Tassen voll heißen Wassers auf die Streithähne zu ("hatte doch keine Teebeutel").

Aus Ermangelung einer besseren Idee nehmen sie ihm die Tassen ab, und setzen sich kraftlos auf den Boden.

"Ach was für ein Drama" stöhnt Thiago, "wenn dieser dumme Tanz doch schon vorbei wäre."

Sehnsüchtig blickt er irgendwo hin, wahrscheinlich in Gedanken bei seinem Bunsenbrenner.

Die Spülbürste schnieft und nippt an ihrem heißen Wasser.

Dann öffnet sie eine kleine Handtasche, holt einen Flachmann heraus und kippt Rum hinein. Sie war nämlich früher mal ein Pirat und hat ein paar der alten Piratengewohnheiten noch nicht ganz abgelegt. 

Sie nimmt noch einen Schluck und schließt die Augen. "So ist besser" murmelt sie.

Thiago blickt sie verächtlich an und murmelt: "Alkoholikerin"

Die Spülbürste öffnet die Augen und kreischt: "Was hast du gesagt!!!"

Die umstehenden Leute und die, in den Toilettenkabinen, nutzen die Gelegenheit und rennen jeweils zu den Waschbecken und zu den Toilettenkabinen und hinaus und hinein, nur Fiona und der Wasserkocher stehen steif am Rand.

Dann setzt Joao sich einfach dazu. "Wofür übt ihr denn diesen Tanz?" Fragt er schüchtern.

Die Spülbürste namens Bürstchen hebt eine Augenbraue und murmelt genervt: "Halt ein Imagefilm der argentinischen Regierung für ausländische Gäste. Im Grunde ein Zusammenschnitt aus den ganzen Clichés, die man so über Argentinien kennt. Tango, Gauchos, Steak... der ganze Bullshit."

"Ahhhhhh und das war Tango, was ihr da gerade getanzt habt??" Fragt der Wasserkocher mit großen Augen, als sei ihm gerade ein Licht aufgegangen.

Die beiden nicken schweigend.

"Und gleich werdet ihr gefilmt, wie ihr tanzt, aber ihr mögt euch eigentlich nicht mehr und könnt den Tanz auch nicht so gut?"

"Könnte man so ausdrücken." Sagt der Mann und taucht seinen Zeigefinger in die Tasse.

"Warum sollt denn ausgerechnet ihr tanzen?" Fragt Joao weiter.

"Naja" antwortet Thiago leicht genervt und rührt dabei mit dem Zeigefinger in seiner Tasse herum, keiner weiß warum.

"Wir haben vor einem Jahr eine Tango Talentshow gewonnen, seitdem sind unsere Gesichter ein Begriff und hin und wieder werden wir gebucht. Aber ich denke, heute wird das letzte Mal sein."

Er wirft einen düsteren Blick zur Spülbürste hinüber, die ihn hasserfüllt anstarrt.

Sie schluchzt: "Es hätte so, so, so schön mit uns sein können! Wir hätten zusammen sein können, zusammen Erfolg haben können, durch das Tanzen gemeinsam Geld verdienen können....aber stattdessen... musstest du... musstest du..."

Eine einzelne Träne kullert aus ihrem Bürstenschopf hervor.

Thiago guckt traurig.

Er zuckt hilflos mit den Schultern.

Dann wirft er einen Blick auf die Uhr und murmelt: "Ich glaube, wir müssen jetzt auch echt mal los."

"Können wir- können wir mitkommen?" Fragt der Wasserkocher aufgeregt.

Gleichgültig zuckt Thiago mit den Schultern. Sie stehen auf.

Fiona hatte die Szenerie mit gerümpfter Nase vom Rand aus beobachtet.

Ihr grober Plan war, einen alten Freund ihres Großvaters aufzusuchen, der noch irgendwo hier leben müsste und ziemlich erfolgreich mit Magensonden handelte.

Der würde bestimmt weiterwissen.

Sie wusste nur leider nicht mehr genau, wie er hieß und wo er wohnte, aber das würde sie schon noch herausfinden.

Aber bis dahin würde sie erstmal mit diesem unangenehmen Pärchen und dem aufdringlichen Wasserkocher in die Innenstadt zu fahren.

Das wenige Geld, was sie in ihrer herzförmigen Handtasche hatte, wollte sie so gut wie möglich zusammenhalten bzw. wenn möglich natürlich, vermehren.

Denn Geld bedeutet Freiheit.

Als dann also der kleine Wasserkocher aufgeregt zu ihr hinüberguckt und fragt: "Kommst du auch mit, Fiona?" Zwingt sie sich zu einem Lächeln und sagt: "Gerne".

Gemeinsam verlassen sie das Badezimmer und fahren zum Filmset, auf den berühmten Friedhof La Recoleta im Herzen von Buenos Aires. 


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