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Der lausige Begleiter (Teil 2)


Unser Sekretär kniete auf dem Kaminvorleger und warf mit Schrauben auf einen sehr großen, aber zarten Weberknecht auf der anderen Seite des Zimmers, der mit seinen dünnen Spinnenbeinen in Todesangst hin und her hüpfte. Statt des Weberknechtes traf unser Sekretär (Herr Dustewitz) ständig irgendwelche wertvollen Artefakte, die wir von unseren zahlreichen Weltreisen als Andenken mitgebracht hatten. Diese fielen nun rumsend um, zerbrachen klirrend explodierten und knallten ... und die uns, nun ja, warum es nicht so sagen, wie es ist, eigentlich sehr viel bedeuteten.

Wie zum Beispiel die alabasterfarbene Vase aus einer südchinesischen Provinz, die wir nur durch knallhartes Verhandeln mit einem schwitzigen Zahnarzt bekommen hatten. Erst später bemerkten wir, dass auf dem Boden der Vase Rauschgift versteckt war, eine glückliche Fügung, wie ich fand, kompensierte es doch den viel zu hohen Preis der Vase. Ich hatte ein ganz hervorragendes Wochenende im lokalen Nightlife, tanzte ausgelassen zu Techno, ausgesprochen natürlich mit CH, und war anschließend 3 Kilo leichter.

Nun, diese Vase lag jetzt allerdings zerdeppert am Boden. Mit fiebrigem Blick schleuderte der offenbar verwirrte Herr Dustewitz die nächste Schraube auf den Weberknecht, der mit panischem Blick die Wand hochrannte, aber hilflos wieder hinabfiel.

Stocksteif stand ich in der Tür, unfähig, zu realisieren, was ich da gerade sah. 

Herr Dustewitz war immer ein ganz hervorragender Sekretär gewesen, er schrieb uns die Briefe, die wir verfassen wollten, von den Augen ab und verschickte sie, ohne dass wir je einen Mucks gemacht hätten. Das gleiche schaffte er jetzt sogar mit E-Mails und Sprachnachrichten. Er konnte seine Stimme einfach perfekt verstellen- nie merkte jemand, dass wir unsere Korrespondenz nicht persönlich führten.

Aber augenscheinlich schien jetzt etwas mit ihm nicht zu stimmen, dachte ich in genau dem Moment, als er mit einer weiteren Schraube anstelle des Weberknechtes mein Lieblingsgemälde traf, ein in Öl gemaltes Loch aus dem 10. Jahrhundert, immer noch feucht, da Öl ja nicht trocknet. Ja, und dieses Kunstwerk fiel jetzt runter, von der Schraube getroffen, und klatschte natürlich auf die Marmeladenseite, was die traumhafte Malerei des Lochs - zu sehen natürlich als einfacher, schwarzer Kreis, aber gerade diese Dynamik fand ich so belebend - zerstörte. Mein Geduldsfaden riss. 

Ich schrie. Herr Dustewitz zuckte zusammen, das Gesicht gerötet und die Augen zu Schlitzen verengt, wandte er sich mir zu. Er atmete schwer. Ich stürzte zu ihm hinab und zog meine 2cm langen, rotlackierten Fingernägel durch sein Gesicht.

Dann passierten viele Dinge auf einmal.

Der Weberknecht nutzte die Gelegenheit und entwischte durch die Tür, durch die ich gekommen war, und rannte mit seinen Spinnenbeinen die Wendeltreppe hinauf. Herr Dustewitz, im Gesicht stark blutend, entfuhr ein wilder Schrei, er stieß mich zur Seite und setzte dem Weberknecht nach.

Zufällig hatte sich zur gleichen Zeit der pflichtbewusste Butler Arthur ebenfalls über den Lärm gewundert, und befand sich just in diesem Augenblick auf der Wendeltreppe, als der Weberknecht und Herr Dustewitz diese emporstürmten. Der Weberknecht, flink und zart, drückte sich ohne Probleme am erstarrten Butler vorbei, der bedauernswerte Herr Dustewitz hingegen rannte vollends gegen ihn und riss ihn mit sich hinab. Polternd und ineinander verkeilt fielen beide Stufe für Stufe die Wendeltreppe herunter und verfingen sich dann, fast am Boden, auch noch im persischen Wandbehang, den die random person und ich damals vom Sultan aus dem Jihad als Zeichen seiner Anerkennung für das Schlachten der Prinzessin erhielten, die ihm 1001 Nächte lang mit sinnlosem Geschwätz auf den Wecker gegangen war. (Auf offizieller Seite hieß es, wir hätten sie geschlachtet, aber in Wirklichkeit haben wir es doch nicht über uns gebracht, wir sind ja keine Mörder. Wir haben sie heimlich mit nachhause genommen, ganz schön schwierig mit dem Zoll und so, aber der indische Botschafter hatte ein paar Kontakte spielen lassen. Die Prinzessin streunte jetzt auch den lieben langen Tag hier durchs Schloss, wo war sie eigentlich, fiel mir dabei ein, wenn man zu lange nichts von ihr hörte, hieß das meistens nichts gutes. Nun ja, aber momentan gab es tatsächlich dringendere Probleme.)

Mit einem ekelhaften Geräusch riss der Wandbehang. Es tat mir fast körperlich weh. Was würde der Sultan sagen, wenn er uns besuchen kam und den Wandbehang in diesem Zustand vorfand...? Ich mochte gar nicht daran denken. Stattdessen dachte ich sehnsüchtig an den Bildband Grönlands, der immer noch aufgeschlagen auf der Seite des Eisbären, der seine Pfote in kaltes Gletscherwasser tauchte, in der Bibliothek auf mich wartete und wohl auch noch länger auf mich warten würde müssen. Der Butler und der Sekretär bildeten ein einziges um sich schlagendes Knäuel am Boden, versuchten sich voneinander und aus dem Stoff freizukämpfen, aber ich hatte kein Mitleid. Mit einem letzten verächtlichen Blick auf die beiden, beschloss ich, die random person von diesem Tumult in Kenntnis zu setzen, um mit ihr zusammen Herrn Dustewitz zu befragen und ihm die Konsequenzen seines Handelns zu erläutern. 

Er konnte schließlich kaum davon ausgehen, weiterhin als Sekretär für uns tätig sein zu dürfen. Ich verließ den Raum nicht über die Wendeltreppe, sondern durch die gegenüberliegende Tür, die in einen langen, leicht unterkühlten Gang führte. Ich raffte mein Gewand und ging hastigen Schrittes drauflos.