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Van Gogh ohne Ohr (40)


Fiona fühlt sich nicht so wohl. Es ist ihr alles zu laut und zu rüpelhaft. Außerdem sitzt sie neben einem ganz in Eisen gekleideten Ritter, der ständig nach dem Salzstreuer greift und sie dabei anstößt.

Als ob er sein Essen nicht mal langsam genug gesalzen hätte.

Mit spitzen Pfoten steckt sich Fiona ihre Serviette in den Kragen und greift nach ihrem Löffel. Sie sticht in ihren Wackelpudding. Probiert skeptisch. Viel zu süß. Künstliches Himbeeraroma.

Sie legt ihren Löffel beiseite und sieht den anderen leicht angewidert beim Essen zu. Der Ritter salzt ununterbrochen seinen Wackelpudding. Der Wasserkocher versucht, ihn zu verflüssigen um ihn dann mit dem Schnabel aufzusaugen. Das intellektuell aussehende, abwesend wirkende Männchen führt ständig die Gabel am Mund vorbei, was an sich nicht schlimm wäre, nur fällt dann immer alles hinunter. Ein kleiner Berg rosa Schwabbel hat sich bereits hinter ihm gebildet. 

Nur die Kinder in ihren blütenweißen Hemden trinken artig ihre Fanta.

Einen Schluck nehmend, die Flasche absetzend, wieder einen Schluck nehmend, die Flasche absetzend. Absolut synchron.

Das intellektuell aussehende Männchen mit der braunen Cordjacke ruft gerade, den Blick auf einen fernen Punkt gerichtet: "Ja!Ja!Jaaa! Das muss es sein. Gaugain hat Van Goghs Ohr abgeschnitten! Das war er gar nicht selbst!" Und fängt an haltlos mit den Fäusten auf den Tisch zu trommeln, bis ihn sein Nachbar vom Stuhl stößt.

Der Mann, der so begierig den Ausführungen über die Desertifikation der Sahelzone gelauscht hat, schleckt mit außerordentlichem Genuss ein Eis am Stil. "Was für ein Eis ist das?" Fragt Joao neugierig.

Der Mann zieht die Augenbrauen hoch und sagt herausfordernd: "Willst mal schlecken??" "Gern!" Antwortet Joao und schleckt am Eis.

Auf einmal steht wieder der Pförtner im Raum, neben ihm ein kleiner, runder Mann mit diebischem Grinsen. "Aaaach nein!" Tönt der Graf. "Ferdi, dass du es noch geschafft hast!" Mit glitzernden Augen erklärt er der Tischgesellschaft: "Das ist Ferdi. Er ist auch zu einem großen Teil für meine Genesung verantwortlich, hat er doch seinen besonderen Operationsraum gestellt, und eingewilligt, mich spät in der Nacht noch zu behandeln. Wir haben uns damals, schon eine ganze Weile ist das her, in Uruguay beim Geldautomaten kennengelernt... Na Ferdi, alles fit?" Der Graf hält Ferdi seine flache Hand entgegen, der laut klatschend einschlägt. "L'hanneshanneshannes..." ruft er überdreht. "Schön, dich so wohlauf zu sehen!! Und, bereit für eine saftige Wildschweinjagd nachher??"

"Na sicher!! Wir sind alle schon ganz wild drauf! Ich werds heute mal mit einer Armbrust versuchen! Unser iranisches Ärzteteam ist auch dabei, schau- die haben die Not- OP gestern Nacht heldenhaft durchgezogen, haha!! Ich fühl mich so fit!!" Er spannt heldenhaft seinen Bizeps an und zeigt dann auf Joao und die Ladies. Joao lächelt höflich- distanziert. Man muss ja nicht gleich jeden direkt heiraten.

Sie essen noch genüsslich ihren Wackelpudding zu ende, doch gerade als der kleine Wasserkocher mit der gesamten Tischgesellschaft eine hitzige Diskussion über Zwangsprostitution begonnen hat, scheucht sie der Graf hoch. ("Ich finde, das kann man machen!!" Schreit der Mann mit der roten Nase und haut wütend mit der Fast auf den Tisch. Selbst der der kleine intellektuelle Mann hätte sich fast dazu geäußert.)

Im Gänsemarsch verlassen sie das prunkvolle Speisezimmer.


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