In der Höhle - Vorgeschichte (0.4)


Kurz darauf stehen sie vor einer Höhle, an einem Waldrand.

"Vanessa!!" Flötet Edgar und trippelt nervös von einem Bein aufs andere. Joao überlegt hektisch hin und her, lieber mittellos unter einer Brücke schlafen, als in der Sklaverei zu enden!! Gerade will er losrennen, da tritt auch schon eine dürre Frau aus der Höhle, ist in zwei schnellen Schritten bei ihm und hebt ihn hoch.

Sie mustert ihn von allen Seiten, drückt mal hier, drückt mal da. "Der ist ja ordentlich!" Sagt sie anerkennend, öffnet Joaos Schnabel und schaut hinein. Joao zappelt und windet sich. Die Frau hebt überraschend die Augenbrauen. "Ganz schön widerspenstig, der Kleine!" Sagt sie und packt noch fester zu. "Hier bitte!" Sie reicht Edgar einen Bündel Geldscheine, der gierig danach grabscht, sich umdreht, "ja dann Tschüss und viel Glück mit ihm!" Nuschelt und auf seinen Borsten davonwuschelt.

So kann man sich in den Menschen täuschen, denkt Joao verbittert und denkt an Edgars Körperwelle, die er so gelobt hatte, obwohl er sie eher komisch fand. Die Trauer und Einsamkeit übermannt ihn so heftig, so niederschmetternd, dass nicht mal mehr die Kraft zum Weinen hat. In der Sklaverei geendet, und dass, nachdem schon vor so vielen Jahren die Suffragetten erfolgreich für das Wasserkocherwahlrecht gekämpft hatten. Nach einer langen Zeit der Diskriminierung genoss er nun anderen Lebewesen ähnelnden Respekt, und nun sah er sich zurückversetzt ins Mittelalter, als er noch ein reiner Nutzgegenstand war, ohne Arbeitsrecht, Kündigungsschutz und Krankenversicherung.

Die Frau trägt ihn in die Höhle. Es ist wirklich eine Höhle. Der Boden und die Wände bestehen aus Erde, trotzdem ist sie geräumig und gemütlich eingerichtet. Ein Regal steht an der Wand, auf dem Küchengeschirr und Kochtöpfe stehen. Auf dem Boden liegt das Fell von einem Tiger, über dessen dicken Kopf die dünne Frau alle drei Minuten stolpert und irgendwelche Getränke verschüttet. Hoffentlich stolpert sie nicht, wenn sie mich in der Hand trägt, denkt er und wendet sich pikiert von der Frau ab, als ihr schon wieder spritzend ein Glas lila Fanta aus der Hand fällt.

Die Frau flucht leise vor sich hin und schenkt sich ein neues Glas Fanta ein. Widerliches Gesöff. Sie knallt Joao auf eine rüschenbesetzte Anrichte.Ihm schießt der Fall von Natascha Kampusch durch den Kopf, die tausend Jahre in einem Keller festgehalten wurde und die Kinder ihres Entführers gebar. Ob ihm das auch drohen wird? Mit dem frischen Glas Fanta in der Hand kommt die Frau auf ihn zu und mustert ihn mit in die Hüfte gestemmter Hand und schräggelegtem Kopf.

"Ich weiß nicht ganz, ob du mir so gefällst... " murmelt sie, nimmt einen Schluck Fanta, stellt das Glas ab, packt ihn und dreht ihn, sodass sein Schnabel in die andere Richtung zeigt. "Ja so ist es besser!" Sie geht zur Spüle und beginnt, an einem Nudelsieb herumzuschrubben. Der kleine Wasserkocher atmet ein paar mal tief durch und gewinnt langsam seine Fassung zurück. Jetzt heißt es, kühlen Kopf bewahren, um nicht den Rest seines Lebens unglücklich zu sein. Der erste Schritt ist, mit ihr zu reden, damit sie bemerkt, dass er ein eigenständig denkendes, intelligentes und zivilisiertes Wesen ist, UND NICHT NUR EIN GERÄT.

Er räuspert sich. "Entschuldigung." Überrascht wendet die Frau sich um und stellt den Wasserhahn ab. "Du kannst auch reden?" Fragt sie und ergänzt sehr schnell: "Das kann ich wirklich nicht gebrauchen. Du hältst schön deinen Mund." Und dreht sich wieder zum Waschbecken um. "Natürlich kann ich auch reden!" Antwortet der kleine Wasserkocher laut. "Denkst du etwa, du bist die einzige die Reden kann?" "Pscht!!" Macht sie nur und schrubbt wütend das Nudelsieb.

Der kleine Wasserkocher räuspert sich erneut. "Ich wollte nur allerhöflichst darauf aufmerksam machen, dass ich ein freies Wesen bin und niemandem gehöre. Ich entscheide mich höchstens aus freien Stücken dazu, eine Weile bei jemandem zu bleiben und der Person das Wasser zu kochen. Wenn wir uns darauf einigen können, dass dieses Verhältnis hier auf Basis der Freiwilligkeit geschieht und jederzeit von mir beendet werden kann, erkläre ich mich bereit, diese Dienstleistung für Sie eine Weile zu übernehmen."

Die Frau pfeffert das Nudelsieb beiseite, dreht sich um und blickt ihn zornig an, die Hände wieder in die Hüften gestemmt, ihr Lieblingsmove. Sie sagt drohend: "ich habe gerade sehr viel Geld für dich bezahlt, das habe ich nicht getan, damit du gleich wieder gehst. Dich sollen irgendwann unsere Enkel und Urenkel erben. Du wirst gefälligst genau da, wo du gerade bist, bleiben. Außerdem weiß ich nicht, wovon du redest, wenn du sagst: 'Wasser kochen', das mache ich ja wohl auf meinem Herd. Wir brauchen dich lediglich als Kanne. Und jetzt halt den Rand." Der kleine Wasserkocher fühlt sich verletzt, machtlos und entehrt. Er will gerade widersprechen, als sie von draußen Schritte näher kommen hören und die Haustür aufgestoßen wird.


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