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Ein Naturtalent (6)


 

Joao starrt grübelnd auf eine hellbaue Blume, die munter vor sich hinblüht, als hätte sie sonst nichts zu tun. 

Dann platzt aus ihm heraus: "Ist Tango denn so schwer?? Können wir das nicht übernehmen?"

"Wir?? Wer wir??" Fragt Fiona. "Naja" seufzt der Regisseur mit leidgetragener Miene. "Ein Wasserkocher ist wohl kaum besser als eine Spülbürste, oder...?"

"Aber!!" Das eben noch verzweifelte Gesicht von Joao hellt sich schlagartig auf.

"Sie muss doch überhaupt nicht aussehen wie eine Spülbürste!! Können wir sie nicht verkleiden??"

Dann mischt sich ein junges Mädchen mit einem Klemmbrett ein, das bislang schweigend daneben stand:

"Also, wir könnten ihr eine Perücke aufsetzen, dann sieht man nicht so die abstehenden Borsten, und das kurze, rote Kleid würde sie ja eh tragen, vielleicht reicht das ja schon..."

"aber ihr habt es doch gesehen, das lief doch alles vorher schon nicht. Und außerdem ist sie gerade weggerannt." Stöhnt der Regisseur ungeheuer deprimiert.

"Wir können sie doch mit unserem Megaphon hier rufen!" Das Mädchen mit dem Klemmbrett schwenkt ein riesiges Megaphon und brüllt drei zusammenhängende Worte hinein.

Mehrere Raben flattern erschrocken von einem Steinengel.

"Hör auf, du störst die Totenruhe!!" Flüstert ein dicklicher Kerl mit Vollbart erschrocken, der betend vor einem Grabstein kniet und sich nun verstohlen umblickt, als ob jeden Augenblick ein paar durchscheinende Skelette monströs auf ihn zuschweben könnten.

"Oder wir setzen dem Wasserkocher die Perücke auf. Das merkt doch keiner. Wir können ja mal einen Probedurchlauf machen, wie es wirkt und ob er sich die Schritte merken kann. Was meint ihr?" Sabbelt das Mädchen mit dem Klemmbrett einfach weiter.

Zufälligerweise ist Joao in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen und alles, was mit Musik und Tanz zu tun hat, fällt ihm intuitiv sehr leicht.

Er ist ein bisschen wie der kleine Mozart, aber das weiß hier natürlich keiner.

Er lächelt sein zauberhaftestes Lächeln, als wolle er seinen Zahnarzt tief beeindrucken, und sagt: "Ja! Gern! Einen Versuch ist es doch wert."

Das Mädchen mit dem Klemmbrett brüllt über die Schulter: "EY MAXIMILIANO HOL MAL DIE PERÜCKE" und ein Junge, der aussieht wie ein langer Stängel, kommt herbeigerannt, ein Ding schwenkend, das aussieht wie ein Pferdeschweif.

Mit einigem Getue pflanzen sie es auf Joaos Kopf, der die ganze Zeit herumkichert: "Wie seh ich aus, wie seh ich aus".

Fiona, die daneben steht, rollt genervt mit den Augen, gibt ständig ein "Tss" von sich, schnalzt mit der Zunge und wippt mit dem großen Zeh.

Kurze Zeit später ist Joao gestriegelt und geleckt.

Das Mädchen mit dem Klemmbrett pfeffert das Klemmbrett beiseite, zieht ihn an sich heran und beginnt vergnügt, ihm die Tango Grundschritte zu zeigen.

Thiago ist nämlich auch nicht wieder aufgetaucht, deshalb übernimmt sie den männlichen Part, und sie will ihm ja auch eigentlich nur kurz die Grundschritte zeigen.

Das Mädchen mit dem Klemmbrett ist sehr hübsch und Joao klopft das Herz bis zum Hals, aber er kann es gut verstecken.

Nur seine Hände sind etwas feucht.

Aber das kann ja auch am Wasserdampf liegen.

Das blonde Haar, welches ihm wallend bis zum Knopf, der 'Klack' macht, wenn das Wasser kocht, reicht, wirft er zwischendurch verwegen zurück.

Er sieht aus wie eine kleine Dame. 

"Un, dos, tres, zurück- ja, jetzt Drehung, sehr gut, muy bien, hmm, adoro, estas un chico calientee-"

Das ganze Filmset starrt mit offenem Mund. Sie werden hier Zeuge der Offenbarung eines einzigartigen Talents.

Dann kommt auch schon das Orchester, welches vorher demotiviert zwischen den Grabsteinen gekauert hat, Instrumente wirbelnd hervorgesprungen und los geht's.

Sie spucken in die Trompeten, wirbeln mit den Tubas, pressen das Akkordeon auf und zu und schwenken den Cellostab wie eine Reitpeitsche.

Mit einem gewaltigen "düdüdüdüdüüü" der Tubas grapscht sich das Mädchen Joao, wirft ihn herum und die beiden sind in ihrem Element.

"Filmt, filmt!!!" Kreischt der Regisseur, woran in der Aufregung natürlich niemand denkt, und so schnappt er sich selbst die Kamera.

Die Pauken knallen und das Schlagzeug ist so richtig am scheppern - ob das so sein muss? - und die mit Ornamenten verzierten Steinengel starren gleichgültig auf einen temperamentvollen Wasserkocher mit wehendem blonden Haar, der so richtig seine erotische Identität zu finden scheint, als er mit feurigem Blick das Mädchen mit dem Klemmbrett über den Friedhof zerrt, sie zurückwirft und gekonnt auffängt, und einfach nicht anders kann, als ihr beim Höhepunkt des Tubageblases vor der untergehenden Sonne einen Kuss auf den Mund zu drücken, mit seinem harten Schnabel, und dabei noch mit ihr zusammen auf einen Steinengel zu hopsen.

Fast schon übermenschlich.

Die Sonne glitzert dunkelrot. Alle klatschen und jubeln frenetisch.

Ein paar Friedhofsbesucher, die in Ruhe zum Trauern gekommen waren, starren wütend zu ihnen hinüber, während sie abgelenkt ihre Stiefmütterchen falsch herum einpflanzen. ("Erst der Krach mit dem Megaphon, und jetzt auch noch das!" Schimpft ein altes Weiblein vor sich hin.)

Der Regisseur liegt luftringend am Boden.

Er hält sich die stechenden Seiten. "Puh das war ja was", er ist die ganze Zeit mit der Kamera rumgerannt, um die beiden aus den besten Winkeln filmen zu können.

Während ein paar Leute erste Hilfe leisten, drängen sich alle anderen um Joao und das Mädchen mit dem Klemmbrett und schreien: "HERMOSO LINDO MARAVILOSO" und selbst Fiona lässt sich zu einem mürrischen "wow" herab.

Als der Regisseur sich erholt hat, winkt er mit Gönnermiene den Wasserkocher und das Mädchen mit dem Klemmbrett beiseite.

Er sagt leise: "Mein Gott, das war der Wahnsinn! Ihr seid herzlich eingeladen, mich gleich zu einem Empfang ins Casa Rosada - das Regierungsgebäude- zu begleiten. Es sind viele ausländische Gäste anwesend, und wir werden eine kleine Vorschau des Spots präsentieren... aber schreit das nicht so rum, sonst wollen alle mit."

Er zwinkert ihnen verschwörerisch zu.

Der kleine Wasserkocher räuspert sich und fragt dann, ob er auch seine Freundin Fiona mitnehmen könne.

Der Regisseur wirft einen kurzen Blick zu ihr hinüber und nickt dann.


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