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Der lausige Begleiter (Teil 6)


... wird krachend die große Flügeltür aufgestoßen und die random person stolpert überdreht giggelnd in den Ballsaal. Ihr Gesicht ist gerötet und sie schwenkt eine halbleere Flasche Wein. 

Die wilden Klänge Vivaldis erfüllen noch immer den Saal, ich sitze neben dem in die Arme des Folterknecht eingekuschelten Herrn Dustewitz auf der türkisfarbenen Samtcouch auf dem Podium, die Beine überschlagen und wippe im Takt mit dem Fuß. Seitlich vor uns tanzen die Weberknechte in einer Reihe, synchron nach links und rechts steppend und die Hüften in scharfem Rhythmus kreisend, den picknickenden Bediensteten zugewandt, die sie entgeistert, Melone kauend, anstarren. Neben ihnen bangen die Violinisten die Heads und schmeißen die Oberkörper vor und zurück, während sie ihre Geigenbögen über die Saiten ratschen und rubbeln, die Drag Queen spielt entrückt mit geschlossenen Augen dermaßen brutal (aber dynamisch und nuancenreich) dass ihr strenges Bürooutfit einen senkrechten, klaffenden Riss aufweist, und der Weihnachtsmann macht kurz Pause und isst Studentenfutter. Da kann man den Leierkasten auch einfach mal Leierkasten sein lassen, denkt er sich, und schunkelt zufrieden. 

Die random person bleibt erschrocken, leicht schwankend, wie angewurzelt im Eingang stehen. Gleichzeitig endet die Musik hochdramatisch in einem berauschenden Crescendo. 

Stille. 

Die random person schaut mich an. Ich meine, leichten Trotz in ihrem Blick zu erkennen. Ich steige gemessen die Stufen des Podiums hinab. Um erstmal irgendwas zu sagen und das eigentliche Problem zu umschiffen, flüster ich der random person zu: "Wie hast du dich in so kurzer Zeit so sehr betrinken können!" Ich schüttele angewidert den Kopf, wende mich ab und klettere wieder auf das Podium. Ich lasse die random person wie einen begossenen Pudel im Raum stehend zurück. Als ob nichts gewesen wäre, führe ich das Tribunal fort. 

"Da es uns sicher allen so geht, diese Angelegenheit so schnell wie möglich abschließen zu wollen, bitte ich nun um eine Abstimmung." Zwar weiß ich, dass unseren Bediensteten jegliche Grundlage fehlt, um über das Schicksal der Weberknechte und der Musiker zu entscheiden, habe ich ihnen doch kaum Informationen gegeben, aber ich habe jetzt einfach die Nase voll. Soll doch sonst was geschehen, ich will ein parfümiertes Rosenbad nehmen und dabei meinen Bildband Grönlands durchblättern, der Rest soll sich zum Teufel scheren! 

Ich stelle fest, dass mich die Musiker allesamt verunsichert anblicken. Ah ja, man will jetzt vermutlich eine Einschätzung von mir, ob sie als Hofmusiker geeignet sind. Da fallen mir aber doch noch ein paar Sachen ein, die ich ganz gerne wissen würde, Rosenbad hin oder her. "Wo haben Sie denn studiert?" Frage ich den erstbesten Geiger mit hochgezogenen Augenbrauen, meinen spitzesten Bleistift über einem Klemmbrett schweben lassend. Er räuspert sich. "Ehem, Autodidakt." Erzürnt runzele ich die Stirn, meiner Meinung nach ist "Autodidakt" nur ein besseres Wort für "Verbrecher". Es geht nichts über eine gute, klassische Universitätsausbildung. "Ein ordentlicher Abschluss beweist mir, dass Ihr Geist kultiviert ist, etwas anderes können wir hier nicht gebrauchen." Sage ich und tippe ihm besserwisserisch mit dem spitzen Bleistift auf die Nase. ich weise Richtung Publikum und füge hinzu: "Hier haben alle einen Universitätsabschluss mit Ausnahme von Max dem Putzmann und den Stalljungen, die noch dabei sind." Doch der Geiger hört nicht zu, er schüttelt seinen Irokesenschnitt und ruft aufbrausend: "Was soll ich denn jetzt machen!" Frustriert schmeißt er seine Geige in die Luft und verlässt das Schloss. Eine Sorge weniger. Ich wende mich an die anderen Musiker, die in der Zwischenzeit Gott sei Dank schon ihre Hochschulurkunden, oder wie das heißt, herausgekramt haben, die ich nun mit vorgehaltenem Monokel akribisch kontrolliere. Es scheint alles seine Richtigkeit zu haben. "Ok, ihr könnt bleiben" sage ich mit einer gelangweilten Handbewegung in ihre Richtung. "Jetzt bleiben noch die Weberknechte und Herrn Dustewitz." Ich klatsche ungeduldig in die Hände. Die random person hat sich, statt weiterhin wie ein Pudel im Raum zu stehen, leicht trotzig zu Mandy gesellt, die ihr zuvorkommend Weltraumnahrung in den Mund spritzt und dabei in schnellem amerikanischen Englisch herumplappert, während ich hier versuche eine Verhandlung zu leiten. Diese Disziplinlosigkeit raubt mir den Verstand.

Um mir Gehör zu verschaffen stoße ich einen schrillen Kreischlaut aus. Schlagartig ist es mucksmäusschenstill. "Also" sage ich mühsam beherrscht. "Ich finde, wir sollten jetzt über den Verbleib der Weberknechte und des Herrn Dustewitz abstimmen. Wer ist für einen langsamen, schmerzhaften Tod?" Erdogan räuspert sich. "Entschuldigung, aber, sollten wir die Weberknechte nicht zumindest fragen, was sie zu ihrer Verteidigung vorzubringen haben?" Ich zucke genervt mit den Schultern. "Von mir aus. Was habt ihr in unserer Schatzkammer zu suchen gehabt??!" Einer der Weberknechte, der ganz besonders bleich und spitz und böse aussieht, grinst mich mit rot glimmenden Augen an und flüstert:" Wir haben eine Party gefeiert, ist das heutzutage schon verboten, bärtige Frau...?" Ich atme gereizt aus. "NATÜRLICH ist das verboten, wenn diese Party auf einem Grundstück stattfindet, das ihnen weder gehört und zu dem sie keinen Zutritt haben!" Zornfunkelnd starre ich die Weberknechte an. 

Der Chef Weberknecht grinst weiterhin böse. Irgendwie bin ich froh, dass sie alle gefesselt sind, denn ganz wohl ist mir nicht in meiner Haut. Herr Dustewitz sitzt auch immer noch konsequent abgewandt, zitternd das Gesicht im Brusthaar der Folterknechtes vergraben. "Also habt ihr nichts zu eurer Verteidigung vorzubringen. Gut." Einer der anderen Weberknechte zischelt leise in Herrn Dustewitzs Richtung: "schauuut ihn auch annn.... wie er sich versteckt..." und lässt ein bösartiges kichern verlauten, in das die anderen Weberknechte leise zischelnd keckernd einstimmen. Schlagartig steppen die Weberknechte wieder in einer Reihe synchron hin und her, schneller und schneller werdend, die Gesichter sich zu immer fieser werdenden Grimassen verziehend. Mir läuft ein Schauer über den Rücken, ich habe das Gefühl, irgendwas läuft aus dem Ruder. Die Weberknechte steppen immer zackiger hin und her, fixieren dabei meinen Blick, ihre Gesichter scheinen auseinanderzufließen, wie sich verlaufende Farbklekse und die Augen werden immer größer und ovaler, die Lippen ziehen sich grotesk auseinander, an den Mundwinkeln aufgehangen- Alles verschiebt sich in irgendetwas undefinierbares, clowneskes, abgrundtief unheimliches, im gleichen schnellen, synchronen Rhythmus. Ich schließe die Augen und backpfeife mich selbst, schlucke und bemühe mich um einen souveränen Tonfall. Ich öffne die Augen, alles scheint wieder normal zu sein. ich atme tief durch. "Ein mildernder Umstand ist, dass nichts gestohlen wurde. Ihr seid also einfach in unsere Schatzkammer eingebrochen, um eine Party zu feiern, verstehe ich das richtig. Wie kommt man auf so eine dumme Idee. " Ein kleinerer Weberknecht mit ziemlich haarigen Beinen murmelt, unverändert hin und hersteppend so leise raunend, dass ich mich vorbeugen und ihm das Ohr hinrecken muss, um ihn zu verstehen: "Nun... manchmal sehnt man sich eben nach ein wenig Amüsement...Nicht wahr..." er lächelt abwesend und zwinkert dann auf einmal jemandem hinter mir im Saal zu. Ich fahre herum und sehe gerade noch die Kuh, wie sie dem Weberknecht spitzbübisch zurückzwinkert und dann überdreht mit den Hinterbeinen ausschlägt! Das gibts doch nicht. "Nein!" Rufe ich außer mir. "Ist die Kuh die undichte Stelle?! Hat sie euch reingeschmuggelt??!" Der Weberknecht guckt ein wenig schuldbewusst drein und schüttelt wenig überzeugend den Kopf. Wir können die Kuh nicht befragen, da sie nur "Muh" sagen kann, das versteht hier keiner. Moment! Doch! Da fällt mir ein - der indische Botschafter! Wer Kühe anbetet muss auch ihre Sprache sprechen. Es ist mir zwar unangenehm, aber ich werde ihn herbestellen müssen, um dieser Sache auf den Grund zu gehen. Natürlich ist das jetzt so, als würde ich der random person frische Croissants aus dem Backofen servieren, aber es geht nicht anders. "Arthur!" Rufe ich Arthur, dem Butler, gebieterisch zu, "sei so gut und ruf Mubashir an, er soll uns mit einer Kleinigkeit behilflich sein." Unterwürfig hastet Arthur aus dem Saal. 

Um die Zeit bis zur Mubashirs Ankunft zu überbrücken, frage ich die Musiker, warum sie sich von den Weberknechten für ihre Parties in fremden Schatzkammern instrumentalisieren lassen. "Das ist doch weit unter eurem Niveau" stelle ich mit in die Hüften gestemmten Händen fest, kneife die Augen zusammen und betrachte sie taxierend. 

Der Leierkastenspieler zuckt mit den Schultern und sagt in dumpfem Tonfall: "Aber sie zahlen gut." "War es das Risiko wert? In ein fremdes Schloss einzubrechen und dann erwischt zu werden? Seht mal- jetzt müsst ihr damit leben, hier bei mir am Hof als Sklaven Musik zu machen. Ich werde euch natürlich NICHT auch noch dafür bezahlen, dass ihr hier eingebrochen seid. Stattdessen werdet ihr Tag und Nacht spielen müssen, ohne Pause, viele Jahre, und ich werde dazu tanzen." Der Leierkastenspieler wechselt einen hilflosen Blick mit den anderen Musikern und murmelt: "Das war mir irgendwie nicht klar."  Ich zucke gleichgültig mit den Schultern. Mir kam schon vorhin der Gedanke, die Gunst der Stunde zu nutzen, um mir verschiedene Tanzstile anzueignen, jetzt, da ich Musiker zur Verfügung habe, die ihr Handwerk beherrschen.

Im Saal hat sich eine schläfrige, dösige Stimmung breit gemacht. Nur die Kuh galoppiert weiterhin fröhlich herum, jaja, die Freiheit. Mandy sitzt angelehnt an den Schülerpraktikanten und krault ihm das Bein, Erdogan summt geistesabwesend vor sich hin, den Zeigefinger in einem Stück Melone steckend und zwischendurch herumdrehend, frag mich nicht, woran er dabei denkt, die durchsichtige Prinzessin steht an der Wand und guckt starr in den Raum. Die Stalljungen liegen auf dem Rücken, umgeben von leeren Weltraumnahrungstuben.

Und da kommt Arthur zurück, gemeinsam mit Mubashir, dem indischen Botschafter, dessen markanter Kieferknochen durch den ganzen Saal grell zu mir herüberblinkt. Ich schlucke. Er ist halt einfach ein Kaliber "der anderen Art". Ich lasse mir nichts anmerken und winke ihn zu mir hinauf aufs Podium. Er schaut ein wenig verärgert und zischt mir dann, sobald er auf dem Podium angelangt ist, zu: "Ich habe einen wichtigen Empfang für diese Sache hier überstürzt verlassen müssen, ich hoffe, du hast einen guten Grund, Herr Nora!" Ich betrachte ihn hochmütig und antworte: "Es geht um unsere Kuh, die Kuh, die normalerweise die Schatzkammer bewacht. Wir haben den Verdacht, dass sie Eindringlingen geholfen hat, ins Schloss zu kommen. Du musst uns helfen, sie zu befragen, du sprichst ihre Sprache." Sein Gesicht erhellt sich. Er lächelt und sagt: "Ahh es ist mir eine Freude, mit Ihrer Durchlaucht zu kommunizieren!" Und wendet sich mit einer leichten Verbeugung in Richtung Kuh, die aufgehört hat, herumzugaloppieren und uns argwöhnisch anstarrt. Ich nicke bekräftigend: "Sie ist ein Prachtexemplar." "Na dann mal los!!" Ruft der indische Botschafter, Tatendrang ausstrahlend und reibt sich die Hände. "Wo soll die Befragung stattfinden? Hier auf dem Podest?" Ich zucke mit den Schultern. "Ja, why not." Ich suche Blickkontakt zu der random person, die nüchterner wirkt als vorhin, meinen Blick erwidert und fragend Richtung Kuh blickt. Ich nicke. Die random person steht auf und führt die Kuh, die widerwillig nach ihr schnappt, zu uns aufs Podium. 

Unsere Bediensteten sind mittlerweile aus ihrem Dämmerschlaf erwacht und schauen aufgeregt zu uns hinauf. Ich schätze, dass keiner von ihnen jemals eine Kuhbefragung miterlebt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob wir den Folterknecht einschalten sollten, aber better safe than sorry. "Marius" sage ich gebieterisch. Widerwillig schaut er zu mir auf, das Gesicht eben noch in Herrn Dustewitz spärlichem Haarkranz verborgen. "Walte deines Amtes und hole das Hackebeil, dann stelle dich neben die Kuh." Ganz vorsichtig befreit sich der Folterknecht aus der Umarmung des Herrn Dustewitz. Er scheint eingeschlafen zu sein. Liebevoll legt er ihn aufs Sofa und deckt ihn mit seiner speckigen Lederjacke zu (die voll mit bösen Aufnähern ist, auf denen Babies zerstückelt werden, und so). 

Kurz darauf ist das Zeremoniell vorbereitet. Der indische Botschafter schwenkt würzig duftenden Rauch aus einer kleinen Schale vor der Kuh herum und singt: "Ohm shanti Ohm". Die Kuh hat sich vornehm auf ihre Hinterbeine niedergelassen und folgt dem hemdsärmeligen indischen Botschafter interessiert mit den Augen. Blumengestecke sind um die beiden aufgebahrt, außerdem bunte Heiligenbilder von pinken Elefantengöttern in goldenen Perlenketten und blauen monströsen Riesenfrauen, denen zehn blutrote Zungen aus dem Maul hängen. "Ooooohm shanti shantii uuuuuhhhhm" singt der indische Botschafter nun lauter und macht weiterhin kreisende Bewegungen mit der Rauchschale vor dem Kopf der Kuh, die begeistert den Kopf mitdreht und mit ihrer Zunge schlackert. Daneben krümmt sich der Folterknecht Marius mit seinem Hackebeil und tränenden Augen unter einem Hustenanfall (die Rauchbelastung). 

Kurz darauf hat der Blick der Kuh einen fiebrigen Glanz angenommen und sie fängt laut an, herumzumuhen. Der indische Botschafter schreit weiterhin: "Ooooohm shanti shantiiiiiii" und kreist schneller mit der Rauchschale. "MUUUUUHHH" wütet die Kuh kraftvoller und peitscht mit dem Schwanz in beide Richtungen aus. Ein Blumengesteck wird beiseite gefegt, fliegt vom Podium und knallt gegen den Kopf des Butlers, Arthurs, der aufschreit und schützend die Arme vor sein Gesicht hält. 

Aufgeregt stehen die random person und ich an der Seite, wobei mir nicht der glühende Blick entgeht, den die random person dem indischen Botschafter zuwirft. Jaja, das Croissant aus dem Ofen. Ich nehme mir vor, die beiden genau im Auge zu behalten. Die Bewegungen des indischen Botschafters werden langsamer, er atmet schwer. Die Augen der Kuh sind geschlossen und sie lässt entrückt ihren Kopf abwechselnd in beide Richtungen fallen. Er dreht sich zu uns um, lächelt ein wenig und sagt erschöpft: "Folgendes. Wie ihr euch schon gedacht hattet, sind die Weberknechte nicht zufällig hier. Und ja, die Kuh hat ihnen geholfen, hier einzudringen. Die Weberknechte und die Kuh sind schon lange befreundet, sie kennen sich noch aus dem..."