Die Erweckung


Zitternd steht Samantha auf der Startbahn. Ihre Mutter -ein großes, stattliches Flugzeug- wartet ungeduldig am Rand und wirft ihr böse Blicke zu. Es ist Samanthas erster Flug und sie hat eine unfassbare Angst, vom Himmel zu fallen, so wie andere Dinge, die man in die Luft wirft. Die Mutter schüttelt die Faust und brüllt ihr zu: “Nun flieg endlich, Arschloch!!” Aber Samantha kann nicht. Tränen strömen ihr aus den kleinen Fenstern, sie rollt drei klägliche Meter und stoppt. “Du bist wirklich zu nichts zu gebrauchen!” Schimpft die Mutter und kommt mit blitzenden Augen auf sie zu. Sie hebt die Hand und gibt ihr eine schallende Backpfeife. “Wärst du doch bloß bei deinem Vater geblieben!” Trübselig und enttäuscht gehen die beiden nach hause, wo ihr Bruder Karl schon wartet, ein riesiges, silberglänzendes Flugzeug, das ständig um die Welt geschickt wird. Lässig steht er am Herd, fischt eine Nudel aus dem Topf und fragt kauend: “Und, wie wars?” 

Die Mutter schmeißt resigniert die Handtasche auf den Küchentisch und vergräbt den Kopf in den Händen. “Sie- ist-zu-nichts-zu- gebrauchen!!” Stößt sie hervor. Karl seufzt und schaut Samantha mit einem “warum-musst-du-es-uns-denn-so-schwer-machen” Blick an.

Samantha holt tief Luft. Sie hat das Gefühl, jetzt nichts mehr verlieren zu können, wischt sich die Tränen aus den Augen und sagt mit fester Stimme: “Ich will Opernsängerin werden.” Die Mutter springt auf wie von der Tarantel gestochen und kreischt: “Auch das noch!!” Karl schmeißt die Flügel in die Luft und ruft: “Ein hoffnungsloser Fall!!” Aber Samantha hält sich wacker und starrt trotzig in die Lücke zwischen ihrer Mutter und dem Bruder, der nun seine Nase dicht vor ihre Nase schiebt und ruhig und bestimmt sagt:” Du gehörst in die Luft und nicht auf eine verdammte Opernbühne!” Störrisch zuckt Samantha mit den Schultern. Eine tiefe Traurigkeit ergreift von ihr Besitz. 

Sie packt ihre Sachen und verlässt das Haus. Kalte Leere fühlend rollt sie die Straße entlang und macht es sich zwei Straßen weiter unter einer Brücke bequem.

Friedrich und Annette laufen, wie jeden morgen, Hand in Hand zum Bäcker ihres Vertrauens, um die guten Vollkornbrötchen zu holen. Schon bald fällt ihnen das Flugzeug auf, was unter der Brücke auf dem Weg zu hausen scheint und auch recht heruntergekommen wirkt, aber hingebungsvoll die berühmtesten Arien von Carmen und der Zauberflöte trällert.

So auch an diesem trüben, verregneten Morgen. Sie laufen gerade unter der Brücke hindurch und freuen sich darüber, kurz nicht nass zu werden, da stößt Friedrich Annette an und flüstert: “Guck mal!” Ehrfürchtig bleiben die beiden stehen. Das kleine Flugzeug balanciert abwesend auf seiner Schwanzspitze, die Augen geschlossen und mit den Tragflächen am wedeln. Es scheint vollkommen in seiner eigenen Welt zu sein. Dazu plärrt es aus vollem Halse “Papageno, Papageno”, dass einem die Ohren abfallen könnten. “Wow!” Flüstert Friedrich. “Das muss man als Flugzeug erstmal können. Annette, du kennst doch den Intendanten der Zauberflöte, das wäre doch sicher eine ganz lustige Einlage..” Die beiden hatten mit Flugzeugen bisher nur im Rahmen von Ryanair zu tun gehabt, und da waren sie ihnen doch als recht passive Geschöpfe vorgekommen. Aber nun sollte sich alles ändern.


Währenddessen hat die Mutter viele andere Kinder geboren und denkt nicht mehr wirklich an Samantha, ihre Tochter, die zwei Straßen weiter unter der Brücke lebt. Aber eines Nachmittags, als sie gerade vom Elternsprechtag kommt und wegen eines anderen Zöglings von ihr, der ebenfalls beginnt, komische Anwandlungen zu zeigen, in Sorge ist, stolpert sie über ein grellpinkes Plakat. In fetten Lettern steht darauf: “Erleben Sie das Wunder! ‘Die Zauberflöte’ mit Samantha, dem feschen Flieger, in der Hauptrolle. Ein unvergleichliches Spektakel. Wer dachte, dass Flugzeuge nur fliegen können, der irrt sich gewaltig.”

Am Tag der Premiere siegt die Neugier der Mutter über ihren Verstand und sie macht sich doch noch schnell auf zum örtlichen Opernpalast, direkt neben Netto. Zwanzig Minuten später sitzt sie, abgeschirmt vor neugierigen Blicken, in der Ehrenloge. 

Und dann geht es los. Von hinten segelt Samantha über den Köpfen der Zuschauer hinweg in den Saal, die sich rasch ducken müssen, und stöhnt dabei unheimlich (fliegen scheint auf einmal kein Problem mehr zu sein). Ein Baum wackelt auf die Bühne und wirft ihr verschmitzt eine Kusshand zu. Die Cellos fangen an zu schrabbeln und Samantha beginnt eine liebestolle Arie zu krächzen - im Sturzflug saust sie auf die Bühne, wo sie und der Baum einen rasanten Paartanz hinlegen. Samantha auf der Schwanzspitze hüpfend und der Baum mit grün angemalten, menschlichen Beinen. Dann kommt der Feind. Eine rote Ziege mit Zwergenmütze schmettert in dunklem Bariton etwas über Gedeih und Verderb und drängelt sich zwischen Samantha und den Baum. Sie werden auseinandergerissen. Das Publikum hält den Atem an. Samantha kreischt. Der Baum jault. Und die Mutter lässt sich einfach mitreißen, vergisst die Sorge und Wut auf Samantha, vergisst Raum und Zeit um sich herum und folgt mit weit aufgerissenen Augen dem Spektakel. Im Überkreuzschritt tänzelt Samantha über die Bühne und wehklagt. Die böse Ziege galoppiert, ein Lasso schwingend, hinter ihr her, das Publikum stöhnt und seufzt. Die Mutter hat die ganze Zeit die Luft angehalten hat und atmet zum ersten Mal wieder aus, als Samantha der Ziege in Form eines Raketenstarts entkommt und so schnell Pirouetten durch den Zuschauersaal dreht, dass man nur noch weiße Schlieren erkennen kann. Zum ersten Mal versteht die Mutter, dass das Glück nicht immer in unserer Bestimmung liegen muss und empfindet eine Freiheit, die sie so noch nie gefühlt hat. Sie beschließt, ihre Kinder in Zukunft mit dieser Freiheit vor Augen zu erziehen. Die Mutter springt auf und stimmt in den tosenden Beifall ein, der nun den Opernsaal überschwemmt, als Samantha sich in alle Richtungen verbeugt und sich die schweren Samtvorhänge zuziehen.

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