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Der lausige Begleiter (Teil 4)


Ein dumpfer Gong ertönt. Das bedeutet: Versammlung, das wissen alle. Kurz darauf hört man das Getrappel von Füßen, dabei haben wir doch eigentlich gar nicht so viele Bedienstete. Ich sitze zusammengekauert in meinem Lieblingssessel in der Bibliothek und betrachte nachdenklich eine Eislandschaft in meinem Bildband Grönlands. Eisiges blau, ich habe gerade gelesen, je blauer das Eis ist, desto älter ist es. Faszinierend. Ich blicke sinnierend aus dem Fenster und denke darüber nach, wie sich die Welt verändert hat, während das Eis immer da war, nur blauer und blauer wurde. Jeden Tag ein wenig blauer. Und jetzt wurde es nicht mehr blauer, dachte ich bitter, sondern verschwand. Ich hätte so gern gesehen, wie blau es noch werden kann- Aquamarinblau? Rosmarinblau? Narzissfarben? Leider sollte mir dieser Spaß vergönnt bleiben. Ich seufze auf. Es ist zum Verzweifeln. Ich muss daran denken, wie der indische Botschafter mit meiner random person herumschlawinert hatte, doch nun erschien mir diese Sache bemerkenswert trivial. Tatsächlich gibt es weitaus wichtigere Dinge, als meine gekränkte Eitelkeit.

Bedauernd lege ich den Bildband Grönlands zur Seite, wälze mich aus dem Sessel, wickele mein Gewand ein wenig fester um mich und verlasse die Bibliothek durch die Tür, durch die ich vorhin eingetreten war. Sie führt direkt in den leider immer ein wenig unterkühlten Ballsaal.

Die Bediensteten sind schon versammelt. Auf dem Podest sitzt, gefesselt, unser bedauernswerter Sekretär, Herr Dustewitz. Eine überkopfhängende, brennende Fackel schwingt bedrohlich über seinem Haupt. Aus einer Luke schräg darüber winkt der Folterknecht fröhlich seinen Freunden zu, wobei ihm ausversehen das Seil, welches die Fackel hält, ein wenig aus der Hand rutscht und den spärlichen Haarkranz des armen Herrn Dustewitz in Brand setzt. Erschrocken schreit der Folterknecht: "Ahhhhh!" Und zieht die Fackel wieder hoch. Hastig drückt die random person, die sich schon auf dem Podest befindet, ihren Kaschmirmantel auf Herrn Dustewitz's Kopf, um die Flammen zu ersticken.Tränen laufen über sein rußverschmiertes Gesicht.

Ich klettere auf das Podium. Aufgeregt blickt unser Hofstaat geeint zu uns empor. Darunter Mandy, unsere amerikanische Köchin, die uns täglich mit verblüffenden Gerichten aus dem Moskauer Weltraumprogramm überrascht- sie hatte dort mal einen Liebhaber - letztendlich eine zähe Masse, die wir aus Tuben in unsere Münder drücken. "Nice", sagt unser Schülerpraktikant dazu gelegentlich, wenn er den letzten Rest einer Tube über seinem Mund ausquetscht. Neben ihr saugt unser Butler, Arthur, mit einem erbärmlichen Gesichtsausdruck an seinem verletzten Finger. Erdogan, der Buchhalter, sitzt mit ungeduldig wippendem Bein hinter ihnen und schaut sich unruhig um. Er will wahrscheinlich so schnell es geht an seinen Schreibtisch zurück, wo ihn die Reisekostenabrechnungen unseres Außendienstes erwarten. "Hol mir doch ein Glas Milch" raunt Arthur dem pickligen Schülerpraktikanten zu. "Für mich bitte auch, ja, sei so gut." Zischt Erdogan von hinten. Der picklige Junge springt beflissen auf und rennt in den Keller, wo unsere Kuh steht. Die Kuh sieht nie das Tageslicht, da sie gleichzeitig auch noch die Schatzkammer bewacht.

Eine Lachsalve ertönt von der Mitte des Saals. Die Freunde des Folterknechtes jubeln gerade seiner neuesten Gemeinheit zu - er hat einen Kopfkrauler statt der Fackel an das Seil gebunden und krault dem armen Herrn Dustewitz damit zwischendurch ganzganz kurz die Glatze, sodass dieser verzweifelt nach mehr giert. Mit seinem Hundeblick fleht er den Folterknecht an, ihn weiter zu kraulen. Da wird ja fast mein trockenes Herz weich.

"Schatz" sage ich in beruhigendem Tonfall zu der random person. "Wollen wir anfangen?" Sie nickt und räuspert sich. "Bitte Ruhe." Sagt sie vornehm und blickt auf sehr ernsthafte Weise in die Runde. Alle starren sehr ernst zurück, nur die Freunde des Folterknechtes, die normalerweise in den Pferdeställen arbeiten, kichern sehr albern. Mir wurde zugetragen, dass sie sich gelegentlich an dem Pferdenarkosemittel, welches im Stall gelagert wird, gütlich tun. Nur dürften sie dann ja eigentlich nicht so überdreht sein. Es ist mir weiterhin ein Rätsel. Ich werde damit drohen müssen, sie zu exmatrikulieren. (Wir bezahlen ihnen ein Fernstudium: Theorie der Pferdepflege und ihre Begleiterscheinungen.)

Ich drehe mich um und sehe gerade noch, wie der Folterknecht oben aus seiner Luke heraus eine obszöne Geste macht und dann wiehernd loslacht. Ich räuspere mich. "Marius wird nun unserm Herrn Dustewitz den Kopf kraulen, solange dieser möchte. Währenddessen werden wir über sein Schicksal entscheiden. Und bitte, Marius, zärtlich! Dies ist eine erzieherische Maßnahme. Sie sind offenbar doch noch nicht reif genug für den anspruchsvollen Posten des Folterknechtes." Herr Dustewitz wimmert und schüttelt den Kopf hin und her, er weint, vor Glück wie es scheint. Marius hingegen schaut denkbar zerknirscht aus der Wäsche und lässt nun wiederstrebend das Seil mit dem Kopfkrauler langsam auf Herrn Dustewitzs Halbglatze hinabsinken, der vor Genuss aufseufzt und die Augen schließt. Ein Jahrhunderte schweres Gewicht scheint von ihm abzufallen und sein Gesicht entspannt sich, wie noch nie. "Herr Dustewitz, Sie sagen Bescheid, wenn es Ihnen nicht zärtlich genug ist oder die Berührung Ihnen gar mechanisch vorkommt, haben Sie mich verstanden? So, und nun entscheiden wir über Ihre Zukunft." Ich nicke der random person zu. Es ist mir wichtig, dass wir vor unseren Bediensteten geeint wirken, auch wenn der indische Botschafter noch immer wie eine unsichtbare Mauer zwischen uns steht. Die random person fährt fort. "Wie manche von Ihnen vielleicht mitbekommen haben, kam es in unserem Kaminzimmer zu Beschädigungen, hervorgerufen durch unseren Sekretär, Herrn Dustewitz. Deswegen halten wir nun dieses Tribunal ab, um über seine weitere Zukunft hier bei uns zu entscheiden." Herr Dustewitz stöhnt auf seinem Stuhl vor Wonne, er scheint kaum ein Wort von dem, was gesprochen wird, mitzubekommen, während die kleinen Fühler seine Kopfhaut aufs äußerste stimulieren. Das ist schon krass für jemanden, der sonst nie gestreichelt wird.

Marius, der Folterknecht, starrt missgelaunt aus seiner Luke, während er lustlos das Seil hebt und senkt. "Ein mildernder Umstand, der für Herrn Dustewitz spricht, ist die offenbar stattgefundene Bedrohung durch einen Weberknecht. Ich bitte zu berücksichtigen, dass er aufgrund früherer Erlebnisse ein gestörtes Verhältnis zu Weberknechten hat, welches ihn dazu veranlasste, unkontrolliert mit Schrauben um sich zu werfen. Dabei zerstörte er einige unserer wertvollsten Gegenstände. Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass er zum besagten Zeitpunkt nicht bei Verstand war und uns seit 30 Jahren treu dient. Dies ist seine erste Verfehlung hier im Hause." Die random person verbeugt sich und tritt einen Schritt zurück. Die Bediensteten murmeln verhalten. Ich falte die Hände und senke den Kopf.

"Mit Verlaub!" Meldet sich Erdogan zu Wort. "Was, wenn erneut ein Weberknecht auftaucht? Dann wird der Herr Dustewitz doch wieder alles zerstören! Und wir können von Glück reden, dass keiner von uns in der Nähe war, den er hätte treffen können!" "Korrekt." Murmele ich der random person zu. "Dieses Problem müssen wir lösen, sollten wir uns dafür entscheiden, Herrn Dustewitz bei uns zu behalten."

Unsere Köchin, Mandy, meldet sich nun Kaugummi kauend zu Wort, das kunstvoll gelockte Blondhaar lasziv um einen Finger gewickelt. "Sorry, aber Dusty hat mir echt mal krass aus der Klemme geholfen. Still eternally grateful." Sie fläzt sich zurück auf ihren Stuhl, während Herr Dustewitz jauchzt und mit den Beinen schlackert vor Genuss. "Werft ihn nicht raus, Durchlaucht!" Ich runzele die Stirn und frage neugierig: "Womit den geholfen?" Mandy verdreht die Augen. Sie ist immer in den schrillsten Merch irgendwelcher Zeichentrickfilme gekleidet, so auch heute. Gewandet in Pokahontas oder Darth Vader oder so von Walt Disney lächelt sie verschmitzt zu uns hinauf. "Muss ich das jetzt hier erzählen? Naja ich wusste nicht, wie ich dem Lieferanten sagen soll, bitte damit aufzuhören, mir Liebesbriefe zwischen die Eier zu legen, die jeden morgen um 6 frisch hier angeliefert werden. Mir wurds halt einfach zu viel, aber der Kerl meinte, er würde sich umbringen - uuuhhahh mein Leben ist so wertlos ohne dich - was macht man denn da?! Herr Dustewitz hat das für mich erledigt, keine Ahnung, wie. Reicht das?" Ich nicke störrisch. Eigentlich will ich alle Geheimnisse kennen, aber ich weiß, dass das jetzt nicht in die Tagesordnung passt.

Erdogan in seinem schwarzen Jackett verzieht spöttisch die Mundwinkel. Arthur, der Butler, wirft unruhige Blicke zur Tür, da er immer noch auf sein Glas Milch wartet. Herr Dustewitz stöhnt zeitweise Dinge, wie: "Ein klein bisschen nach rechts, jaaaa, so ist gut, danke". Die Stallburschen haben sich umgedreht und tuscheln mit Wilhelmina, der Chefhandwerkerin, die für alles zuständig ist, was hier im Schloss zwischendurch mal so kaputt geht. Sie hat ein sagenhaftes Händchen für sowas, letztens hat sie einen Rohrbruch auf spektakuläre Weise verhindert, indem sie in atemberaubender Geschwindigkeit eine Konstruktion aus Streichhölzern bastelte, mit der sie das Rohr notdürftig stabilisierte, um es dann in Ruhe auszubessern. 

Die random person erhebt erneut die Stimme. "Die Frage ist nun natürlich, reichen die angeführten Gründe als Entschuldigung aus? Wie sollen wir verfahren?" Aber keiner hört so wirklich zu, denn in genau diesem Augenblick stürzt der Schülerpraktikant in heller Panik in den Ballsaal, in jeder Hand ein überschwappendes Glas Milch. Die Kuh galoppiert mit rollenden Augen und peitschendem Schwanz hinter ihm her.  Er schreit: "Diebe!! Diebe in der Schatzkammer!!!" Es herrscht helle Aufregung, Marius, der Folterknecht, lässt das Seil mit dem Kopfkrauler fallen und rennt kreischend in den Ballsaal hinab. Die Kuh springt aufgeregt, mit aus dem Maul hängender Zunge, im Kreis herum, der Butler Arthur stürzt gierig sein Glas Milch hinunter und die Stallburschen rennen los, um sich mit Mistgabeln zu bewaffnen. Keiner achtet auf Herrn Dustewitz, der aschfahl geworden ist. Er stottert: "Das muss der Weberknecht sein, das muss er sein...." Seine Augen huschen wie irre von links nach rechts, "macht mich los!!" Fängt er an zu schreien, doch keiner hört auf ihn, wie wild fängt er an den Fesseln zu ruckeln, aber da ist nichts zu machen, irgendwann kippt er hilflos mit seinem Stuhl um. 

Währenddessen haben die random person und ich uns auf einen Schlachtplan verständigt. Es ist wichtig, in einer Situation wie dieser kühlen Kopf zu bewahren. Ich winke Wilhelmina, den Stallburschen und der durchscheinenden Prinzessin, die die random person und ich aus dem Jihad gerettet hatten, zu, mit mir zu kommen. Geschlossen gehen wir durch einen langen Korridor bis zum Westflügel des Schlosses, wo für gewöhnlich die Audienzen abgehalten werden, und klettern eine steile Leiter hinab. Ich frage mich wirklich, wie die Kuh hier hinaufgekommen ist. Den anderen ist die Anspannung deutlich anzumerken, ich fühle mich aber ruhig und klar. Wilhelmina stapft mit verbissenem Mund vorweg. Die Stallburschen rennen übermütig herum, springen hoch und stoßen ihre Mistgabeln in unsichtbare Feinde, und die Prinzessin wirkt noch durchscheinender als eh schon. Hastig trippelt sie an der Wand entlang und stolpert ständig über ihre eigenen Füße. Kurz darauf stehen wir vor einer massiven Holztür. Die allerdings nur angelehnt ist. Ich atme tief durch. Wilhelmina dreht sich zu mir und fragt mit finsterer Miene, die Hand an der Tür: "Soll ich?" Ich schüttele den Kopf und schiebe die Prinzessin vor, die ängstlich quiekt. "Sie geht vor. Das wird die Feinde verwirren, wenn die Prinzessin auf einmal vor ihnen steht. Sie erwarten große, starke Gegner, und nicht so ein zitterndes, dünnes Geschöpf. Also los!" Mit zitternden Fingern drückt die Prinzessin die Tür auf. Sie wankt hinein.

Und dann hört man einen schrillen, langgezogenen Schrei. 

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