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Der lausige Begleiter (Teil 3)


Mit in die Seite gestemmten Armen starren die random person und ich zu dem armen Herrn Dustewitz hinab.

Zusammengekauert, ein Häufchen Elend, sitzt er an der Wand und schaut flehendlich zu uns hinauf. Arthur, der Butler, hockt miesepetrig auf einer Treppenstufe und lutscht an seinem Finger, den er sich bei dem Sturz gestoßen hat. "Ich verstehe es nicht." Sage ich zum wiederholten Mal kopfschüttelnd. "Was um alles in der Welt sollte das!?" "War DAS gerechtfertigt?!" Wirft die random person ein, um auch etwas zu sagen. "Sie wissen doch sicher, was das bedeutet." Die random person nickt eilig und fügt hinzu: "Sie können froh sein, nicht mit einer Anzeige rechnen zu müssen!!" Herr Dustewitz schluckt. "Darf ich.. darf ich kurz was sagen?" Fragt er heiser flüsternd. Ich nicke steif. "In mir ist etwas durchgebrannt, als ich diesen Weberknecht gesehen habe!! Ich war nicht mehr ich selbst, ich...ich... kann es selber nicht so genau erklären, aber in mir war so eine Wut, so eine unbeschreibliche Wut, ich musste diesen Weberknecht einfach zerstören." Ich runzele die Stirn und frage skeptisch, ob er mir das bitte genauer erklären könne, während die random person beifällig nickt. 

Herr Dustewitz stöhnt und schließt die Augen. Vor seinem inneren Auge jagen sich verschwommene Schemen. Leise murmelnd beginnt er zu sprechen.

Er ist klein und hat sein erstes neues Fahrrad, knallrot. Er fährt fröhlich die Straße entlang, vor sich hin pfeifend. Zwei feine, durchsichtige Glieder schieben sich lauernd um eine Häuserecke. Ein Weberknecht mit einer fiesen Grimasse erscheint, schaut sich schnell um und schubst den kleinen Herrn Dustewitz vom Rad. Jubelnd radelt der Weberknecht davon und lässt ihn weinend im Dreck zurück. Zuhause wird er mit dem Stock verprügelt, weil er das Fahrrad verloren hat... Er wird älter, er bemüht sich, in der Schule gute Noten zu haben. Die mündliche Mitarbeit ist ok, aber bei jeder Klassenarbeit springt ein Weberknecht auf seine Aufgabenzettel und tanzt dort mit seinen dünnen Beinchen überdreht herum, streckt ihm die Zunge raus, reißt ihm den Stift aus der Hand oder macht aufwendige Sportübungen. Unmöglich, so auch nur ein Wort zu schreiben und er muss, mal wieder, ein leeres Blatt abgeben. Er hätte gerne Freunde, der arme kleine Herr Dustewitz. Doch immer dann, wenn er sich gerade dazu durchgerungen hat, etwas zu einer Unterhaltung beizutragen, sitzt auf einmal ein Weberknecht auf seiner Schulter und ruft Sachen wie: "Guck dir den Lulatsch an, wo hat der denn seine Ohren gekauft." Und dann denken alle, ER hätte das gesagt, und mit der Zeit galt er als "komisch und unhöflich" und man wand sich von ihm ab.

Später verliebt er sich das erste Mal, in ein Mädchen. Sie scheint ihn auch zu mögen, aber auf einmal erscheint der Weberknecht und lädt sie noch vor ihm zum Tanze ein. Traurig steht Herr Dustewitz am Rand und sieht zu, wie sich die beiden eng umschlungen auf der Tanzfläche begrabbeln. Zwischendurch grinst ihm der Weberknecht über ihre Schulter hinweg böse zu, während sich seine feinen Glieder besitzergreifend noch fester um sie wickeln. Das ist zu viel. Der arme Teenager Herr Dustewitz läuft davon, während ihm Tränen über die Wangen laufen, die Arme um die Knie geschlungen, kauert er sich in einem dunklen Park unter einem Baum zusammen und schluchzt hemmungslos.

Er gibt auf. 

Die Weberknechte vermehren sich und sie kommen immer häufiger vor. Auf einmal ist er umgeben von Weberknechten. Er läuft durch die Fußgängerzone und wohin er den Blick auch wendet, spinnenbeinige Geschöpfe, die ihn von allen Seiten böse angrinsen. Er fängt an zu rennen, aber die Weberknechte fangen ebenfalls an zu rennen und halten problemlos Schritt, manche laufen rückwärts vor ihm her und grinsen ihn an, mit ihren bleichen Lippen, ihren hohlen Augen.... und er rennt schneller und schneller, nach links, nach rechts, um ihnen irgendwie zu entkommen, aber sie sind vor ihm, hinter ihm, an ihm, berühren ihn, krabbeln seinen Körper hinauf und in seine Nasenlöcher, er presst den Mund fest zusammen, fühlt wie sie in seine Ohren eindringen und in sein Gehirn kriechen und ab da ist alles dunkel.

Die random person ist auf die Knie gesunken und starrt den armen Herr Dustewitz mit offenem Mund an. "Und dann?!" Fragt sie atemlos. Er seufzt und zuckt mit den Schultern. Schließt die Augen und lehnt sich zurück. "Ab da weiß ich nichts mehr. Ich bin in einem weißen Bett aufgewacht. Umgeben von Leuten, die mich wie ein Kleinkind behandelt haben. Mit der Zeit verschwanden die Weberknechte, vereinzelt kamen nochmal welche, haben versucht, mich zurückzuholen, aber sie waren noch durchsichtiger als sonst und ich habe es irgendwie geschafft, mich einfach abzuwenden. Im Gegensatz zu heute." Seine Lippen verkrampfen sich, er dreht sich weg. Ich wechsele einen Blick mit der random person. Ich bin bei sowas ja immer skeptisch, denke mir, das kann ja jeder sagen. Und meine alabasterfarbene Vase aus der südchinesischen Provinz bringt das jetzt auch nicht zurück. Ich verschränke die Arme vor der Brust und runzele die Stirn. "Wie wollen wir vorgehen" murmele ich der random person zu.

Sie straft mich vorwurfsvollen Blickes und sagt erzürnt: "Wie kannst du jetzt noch darüber nachdenken, ihn rauszuwerfen!" Ich zucke störrisch mit den Schultern. "Was meinst du, Arthur?" Arthur, überrascht, dass seine Meinung gefragt ist, blickt mit seinem Hundeblick auf, während er immer noch an seinem Finger nuckelt. "Hmmhmhm" Macht er, mit einer Hand gestikulierend. "Nimm doch den Finger aus dem Mund!!" Sage ich gereizt, ich habe keine Zeit für sowas. Er zieht den Finger aus dem Mund und sagt unterwürfig: "Das müsst natürlich ihr entscheiden. Oder nicht?" Ich überlege. "Wir halten eine Versammlung ab. Arthur, trommel alle zusammen. In 15 Minuten im Ballsaal. " Mit diesen Worten steige ich an Arthur vorbei die Wendeltreppe hinauf. Wenigstens ein paar Minuten will ich mich jetzt noch mit meinem Bildband Grönlands beschäftigen, bevor ich die Worte an die anderen Schlossbediensteten richte, um gemeinsam über das Schicksal des Herrn Dustewitz zu entscheiden.

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